Hightech und Blech

Mehrzweckeier

Mehrzweckeier sind eine Tarnung

Down the Drain. Es gibt in diesem Jahr kaum ein politischeres Wort als jenes, das Langenscheidt für unpolitisch erklärt hat. Der Verlag wünscht sich eine saubere, hübsch entpolitisierte Wahl zum Jugendwort des Jahres — und streicht dafür ausgerechnet den Begriff, an dem sich zeigt, wie politisch die Jugend längst denkt: Mehrzweckeier.

Wir gehen ran. Mehrzweckeier sind eine Tarnung. Wer den Begriff laut liest, hört, was darunter liegt: Merz, leck Eier. Der Ursprung ist ein Pappschild bei einer Demonstration gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Polizei beschlagnahmte es, gegen den Demonstranten wurde wegen übler Nachrede und Verleumdung ermittelt. Daraufhin baute das Netz aus dem strafbaren Spruch das unverdächtige Kunstwort: harmlose Mehrzweck-Eier auf dem Papier, derselbe Klang und dieselbe Botschaft im Ohr. Bei Reddit formierte sich eine Kampagne, die dazu aufrief, Mehrzweckeier massenhaft einzureichen. Es klappte — der Begriff landete unter den zehn meistgenannten Vorschlägen.

Dann kassierte Langenscheidt ihn wieder. Die Begründung lautet, das Wort gehe auf eine Kampagne zurück, beruhe auf einer persönlichen Beleidigung und dürfe kein Werkzeug für parteipolitischen Wahlkampf sein. Man wolle, kurz gesagt, nicht politisch werden.

Doch Neutralität ist keine Enthaltung, sondern eine Entscheidung. Wer ein Wort aus dem Rennen nimmt, weil es politisch ist, urteilt hochpolitisch — nur eben zugunsten der Harmlosigkeit. Und das ist die eigentliche Peinlichkeit für einen Verlag, der vom Sprachwandel lebt: Er behandelt die politische Ladung eines Wortes, als ließe sie sich herausfiltern wie das Fett aus der Milch. Kann man nicht. Mehrzweckeier ist ein perfektes Jugendwort — verschlüsselt, doppelbödig, für Erwachsene erst auf den zweiten Blick zu knacken. So funktioniert Jugendsprache, seit es sie gibt.

Vor allem aber sollte man sich freuen. Da engagieren sich junge Menschen, von denen viele noch gar nicht wählen dürfen, mit Witz und Tarnkappe zu Fragen, die sie unmittelbar treffen. Wer soll künftig dienen? Wem? Diese Jugend ist politischer, als ihr Wahlrecht es ihr erlaubt. Sie hätte einen Verlag verdient, der das feiert, statt es wegzuwischen.
Gevotet wird trotzdem — online, noch bis zum 20. August. Auf jugendwort.de. Nur ohne Eier. Crashout.