Hightech und Blech

Öl ist die Droge

Sonntagsfrage. Die Festnahme von Nicolás Maduro durch US-Truppen markiert eine dramatische Eskalation der Venezuela-Krise und sprengt den bisherigen Rahmen von Sanktionen und diplomischem Druck. Der Zugriff auf ein amtierendes Staatsoberhaupt in Südamerika verschiebt die tektonischen Platten der Weltpolitik – mit Folgen weit über Caracas hinaus, von den Beziehungen der USA zu Lateinamerika bis hin zu Peking, Brüssel, Teheran und Moskau.

Und?
Wer von Euch hatte „Präsident (der freien Welt) überfällt anderen Präsidenten, um ihn in den Kerker zu werfen“, auf der Bullshit-Bingo-Karte für 2026?
#venezuela

Über Jahre hatten Washingtons Strategen versucht, Maduro mit Sanktionen, Strafanzeigen und Kopfgeld aus dem Amt zu drängen. Die USA stuften ihn bereits 2020 als mutmaßlichen Narco-Terroristen ein und unterlegten dies mit Anklagen in New York und millionenschweren Fahndungsprämien, die zuletzt auf 50 Millionen Dollar erhöht wurden. Nun ist aus juristischer Drohkulisse militärische Realität geworden: Ein großangelegter Schlag, Explosionen in Caracas, die Verhaftung des Präsidenten und seiner Ehefrau durch US-Kräfte, der Transfer an einen unbekannten Ort.

Präsident in Handschellen

Lateinamerika steht damit vor einer doppelten Zumutung: Zum einen richtet sich der Zugriff gegen ein Regime, das viele Regierungen der Region – trotz Kritik an Wahlbetrug und Repression – aus Gründen der Staatensouveränität nicht offen stürzen wollten. Zum anderen demonstriert Washington, dass der Hinterhof-Reflex – die Bereitschaft zur militärischen Intervention in der eigenen Hemisphäre – keineswegs Geschichte ist.

Die politischen Konfliktlinien verlaufen quer durch den Kontinent: Linke Regierungen einerseits, die sich in regionalen Foren seit Jahren gegen US-Sanktionen und für Dialog mit Caracas aussprachen, sehen sich in ihrer Warnung vor Militarisierung bestätigt.
Andererseits stehen konservative Regierungen, die Maduro als illegitimen Autokraten betrachteten. Sie begrüßen zwar das Ende seiner persönlichen Herrschaft, fürchten aber das Präzedenzsignal einer amerikanischen Kommandoaktion gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt.

Hinzu kommt ein innenpolitisches Motiv in den USA. Donald Trump hatte bereits während seiner ersten Amtszeit Venezuela zur Bühne für eine harte Law-and-Order- und Anti-Sozialismus-Rhetorik gemacht. Mit der nun vollzogenen Festnahme erfüllt er ein Versprechen, das tief in die US-Polarisierung hineinwirkt. Das macht die Aktion für viele Regierungen in Südamerika umso irritierender – sie sehen mehr innenpolitisches Kalkül als verantwortliche Krisendiplomatie.

China und EU

Die unmittelbare Reaktion aus Peking fiel scharf aus: China zeigt sich tief schockiert und verurteilt den US-Einsatz gegen einen souveränen Staat als illegale Gewaltanwendung. Das ist mehr als routinierte Anti-US-Rhetorik. Für China ist Venezuela ein wichtiger Partner in Lateinamerika – wirtschaftlich, energiepolitisch und symbolisch als Beispiel eines Landes, das sich Washingtons Einfluss weitgehend entzogen hat.

Peking muss nun zwei widersprüchliche Interessen austarieren:
Einerseits will China jede Legitimation von Regimewechseln durch Gewalt verhindern, weil dies auf die eigene Positionrn in Taiwan, Hongkong oder Xinjiang zurückstrahlt. Andererseits hat Peking ein erhebliches Interesse an Stabilität auf den internationalen Energiemärkten, auf denen Venezuela – trotz verfallener Infrastruktur – ein Schlüsselland bleiben kann.

Die Europäische Union bewegt sich traditionell auf einem schmalen Grat zwischen Menschenrechtsrhetorik und Völkerrechtsorthodoxie. Brüssel und mehrere Hauptstädte haben Maduro wiederholt als Verantwortlichen für Wahlbetrug und schwere Menschenrechtsverletzungen benannt und mit Sanktionen belegt, ohne jedoch den Weg militärischer Intervention zu gehen.

Für die EU wird nun entscheidend sein, ob die USA den Fall Maduro in ein transparentes, rechtsstaatliches Verfahren überführen oder ob aus der Festnahme ein politischer Schauprozess wird. Im ersten Fall könnte Brüssel – zähneknirschend – die Anrufung universalistischer Strafansprüche akzeptieren, im zweiten würde die EU erheblichen Druck verspüren, sich öffentlich von Washington abzugrenzen, um ihre eigene Rolle als Verfechterin einer regelbasierten Ordnung nicht zu beschädigen.

Zugleich eröffnet sich für Europa eine heikle diplomatische Chance: In einer Region, die zunehmend zum Feld globaler Rivalität zwischen den USA und China geworden ist, kann die EU als Moderatorin auftreten – vorausgesetzt, sie findet eine klare Sprache zu Gewaltanwendung, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Transition in Venezuela.

Moskau und Teheran

Für Russland und Iran ist die Festnahme Maduros ein Geschenk sowohl propagandistisch aber auch strategisch. Beide Staaten haben in den vergangenen Jahren ihre Präsenz in Venezuela ausgebaut, militärisch wie wirtschaftlich, und Caracas gezielt als Bühne antiwestlicher Kooperation genutzt.

Moskau sieht Caracas als Baustein seiner globalen Gegenmachtstrategie. Venezuela bot russischen Militärberatern und Unternehmen einen symbolträchtigen Hebel in der US-Hemisphäre. Präsident Putin inszenierte die Beziehungen zu Maduro zuletzt demonstrativ, um zu zeigen, dass Russland trotz des Krieges in der Ukraine international handlungsfähig bleibt.

Die US-Festnahme Maduros bestätigt in russischer Lesart die Erzählung vom imperialen Westen, der unliebsame Regierungen stürzt, während er sich selbst als Hüter der Regelordnung inszeniert. Moskau kann diese Lesart nutzen, um Unterstützung im Globalen Süden für seine eigene Politik – von der Ukraine bis Syrien – zu mobilisieren. Gleichzeitig droht Russland ein strategischer Verlust: Sollte ein post‑maduristisches Venezuela sich stärker an Washington und Europa orientieren, verliert der Kreml einen seiner wichtigsten Brückenköpfe in Lateinamerika.

Für Iran gilt Ähnliches, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Teheran nutzte Venezuela als Korridor zur Umgehung westlicher Sanktionen, als Markt für Treibstoffe und als politisches Symbol eines Blocks sanktionierter Staaten. Der US-Einsatz wirkt hier wie ein Warnschuss: Wer sich offen in die Anti-US-Front einreiht, kann nicht auf die Unantastbarkeit seiner Führung zählen.

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Am Ende dieser Entwicklung steht ein paradoxes Ergebnis. Die USA setzen ein spektakuläres Zeichen gegen ein autoritäres Regime in ihrem eigenen Hinterhof, unterminieren damit jedoch genau jene internationale Rechtsordnung, auf die sie sich sonst im Konflikt mit Russland, China oder Iran berufen. Für Südamerika, Europa und die Rivalen Washingtons beginnt damit eine Phase neuer Unsicherheit – in der die Frage, wer über Legitimität, Souveränität und Gewaltmonopol entscheidet, offener ist denn je.