Hightech und Blech

Verantwortung für Verteidigung

Die Bundeswehr bekommt 2026 das Zweieinhalbfache dessen, was sie 2020 bekam – und scheitert weiter

Sonntagsfrage. Am 7. und 8. Juli trafen sich die Staats- und Regierungschefs der 32 NATO-Mitglieder im Präsidentenkomplex in Ankara. Wer erwartet hatte, dort werde über zwei, drei oder fünf Prozent gestritten, hat den Gipfel des Vorjahres verpasst. In Den Haag haben sich die Alliierten im Juni 2025 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Kernverteidigungsausgaben plus 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Ausgaben festgelegt, Zielmarke 2035. Ankara war die Buchhaltung dazu. Die europäischen Alliierten und Kanada hätten ihre Kernverteidigungsinvestitionen seit Den Haag um mehr als 139 Milliarden US-Dollar gesteigert, heißt es in der Gipfelerklärung, dazu über 50 Milliarden Dollar an neu angekündigten Beschaffungen und 70 Milliarden Euro Militärhilfe für die Ukraine allein 2026.

Deutschland liefert. 108,2 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben in diesem Jahr – 82,69 aus dem Einzelplan 14, 25,51 aus dem Sondervermögen. Bis 2029 sollen es rund 152 Milliarden werden; das BMVg selbst spricht von einer Verdreifachung gegenüber 2023. Das 3,5-Prozent-Ziel will die Bundesregierung sechs Jahre vor Frist erreichen.

Und trotzdem: Die Truppe kann ihren Auftrag nicht erfüllen.
Warum kommt das Geld nicht in der Truppe an?

Die bequeme Antwort

Die verbreitete Antwort geht so: Das Geld versickere in Prestigeprojekten. Fregatten, Kampfjets, Großgerät. Für Munition und Ersatzteile bleibe nichts. Achim Wohlgethan hat diese These 2023 in ”Blackbox Bundeswehr“ zugespitzt – Untertitel: “Die 100-Milliarden-Illusion“. Sein Befund lautete, die Bundeswehr könne den grundgesetzlichen Auftrag zur Landesverteidigung nicht erfüllen, und daran werde auch das Sondervermögen nichts ändern, weil das Beschaffungssystem dysfunktional sei.

Der zweite Teil dieser These ist heute richtiger denn je. Der erste ist falsch.

Munition. Der größte auffällige Einzelposten im Wehretat 2026 ist die Munitionsbeschaffung: rund 12,6 Milliarden Euro im Einzelplan 14, neun Milliarden mehr als 2025, dazu 2,13 Milliarden aus dem Sondervermögen. Fast 15 Milliarden Euro – mehr als die Hälfte der militärischen Beschaffungen. Bis 2041 sind 70,27 Milliarden Euro an Verpflichtungsermächtigungen für Munition gebunden. Wer 2026 noch behauptet, für Munition sei kein Geld da, argumentiert gegen einen Haushalt von 2021.

Fregatten und Flugzeuge. Beide Großprojekte, die als Beleg für falsche Prioritäten herhalten, sind in den vergangenen Wochen gestorben. Am 8. Juni verkündeten Merz und Macron das Ende des gemeinsamen Kampfflugzeugs im Rahmen von FCAS – Dassault und Airbus fanden nicht zusammen; der finanzielle Verlust liege dem Vernehmen nach bei gut drei Milliarden Euro. Ende Juni stoppte Pistorius die F126: sechs Fregatten, ursprünglich 5,27 Milliarden für vier Schiffe, zuletzt bei rund zehn Milliarden, Rettungsangebot von Rheinmetall über 12,8 Milliarden. Mehr als zwei Milliarden Euro sind bereits geflossen; wie viel davon zurückkommt, soll ein Schadenersatzverfahren klären. Ersatz: acht kleinere MEKO A-200 von TKMS, 6,3 Milliarden für die ersten vier.

Das Geld ist also nicht in Fregatten und Flugzeuge geflossen. Es ist in gescheiterten Fregatten und Flugzeugen verbrannt. Das ist kein Prioritätenproblem. Das ist ein Systemproblem.

Was tatsächlich unterfinanziert ist

Ein Posten wächst nämlich auffällig langsam: Materialerhaltung. 7,56 Milliarden Euro sind 2026 für den Erhalt des vorhandenen Materials veranschlagt – nach 6,8 Milliarden im Vorjahr. Ein Plus von 760 Millionen, während der Gesamtetat um 21,7 Milliarden wächst. Rund drei Prozent des Zuwachses gehen an die Instandhaltung dessen, was schon da ist.

Das ist die Stelle, an der die Kritik trägt. Nicht bei der Munition, sondern beim Ersatzteil, beim Getriebe, beim Reifen. Der Wehrbeauftragte Henning Otte notiert in seinem Jahresbericht 2025, er habe bei Truppenbesuchen zu häufig festgestellt, dass Ausstattung für Ausbildungszwecke fehle – von Motorradreifen bis zum Großgerät. Man kauft Munition für 15 Milliarden und hat kein Gerät, mit dem man sie verschießen übt.

Dazu die Infrastruktur: Otte beziffert den Sanierungsstau bei Liegenschaften auf 67 Milliarden Euro. Das ist mehr als drei komplette Wehretats des Jahres 2020.

Engpass Absorptionsfähigkeit

Die entscheidende Zahl steht nicht im Haushalt, sondern im Bericht des Wehrbeauftragten. Ende 2025 zählte die Bundeswehr 184.194 aktive Soldatinnen und Soldaten. Das Ziel des neuen Wehrdienstgesetzes: 255.000 bis 270.000 bis 2035. Es war laut Otte das einstellungsstärkste Jahr seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 – der Zuwachs betrug rund 3.000.

Bei diesem Tempo dauert der Aufwuchs 25 Jahre.

Otte nennt zwei Strukturdefekte, die erklären, warum Geld allein nichts löst. Erstens die Kopflastigkeit: Auf einen Mannschaftssoldaten komme rechnerisch fast ein Offizier. Ob mit einer solchen Struktur Landes- und Bündnisverteidigung nachhaltig zu bewältigen seien, sei fraglich, so der Wehrbeauftragte. Zweitens die Bürokratie: Von der erfolgreichen Bewerbung bis zur Einstellung vergehen im Schnitt 112 Tage.

Und dann ist da der Satz, an dem die gesamte Debatte hängt. Otte schreibt, mit der Öffnung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben sei die pauschale Berufung auf eine Unterfinanzierung der Bundeswehr keine Ausrede mehr.

Der Bundesrechnungshof formuliert es härter. Präsident Kay Scheller nannte das Beschaffungswesen im Februar ein „System der organisierten Verantwortungslosigkeit“. Diese Kritik trägt der Rechnungshof seit mindestens zehn Jahren vor. Sie hat weder Ministerinnen noch Minister noch Koalitionen beeindruckt.

F126 und FCAS sind der empirische Beleg. Vier Jahre Hängepartie, zwei Milliarden versenkt, ein Generalunternehmerwechsel, dann der Abbruch. Niemand haftet. Niemand tritt zurück. Das Projekt wird durch ein anderes ersetzt, und die Uhr beginnt von vorn.

< tl;dr />
Die Prozentfrage ist entschieden: 3,5 plus 1,5 bis 2035, Deutschland will die 3,5 schon 2029 erreichen. Die Munitionsfrage ist entschieden: fast 15 Milliarden Euro allein 2026. Die Plattformfrage hat sich selbst erledigt – FCAS und F126 sind tot, drei plus zwei Milliarden Euro verbrannt, ohne dass jemand dafür haftet. Was bleibt, ist der einzige Engpass, den kein Haushaltsausschuss beschließen kann: 184.194 Soldaten, 112 Tage bis zur Einstellung, 67 Milliarden Sanierungsstau, 7,56 Milliarden für Materialerhaltung – und ein Beschaffungssystem, das der Bundesrechnungshof seit zehn Jahren als organisierte Verantwortungslosigkeit beschreibt. Geld ist nicht mehr das Problem. Es ist nur noch die Ausrede.