Anthropologie des Wassers
Download am Donnerstag. Die Schwedische Akademie hat den Literaturnobelpreis 2026 an Anne Carson vergeben. Die Kanadierin, 1950 in Toronto geboren, ist Altphilologin, Dichterin, Essayistin und Übersetzerin. Ihr Werk habe im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur geschaffen, heißt es in der Begründung. Carson ist die 19. Frau unter 122 Preisträgerinnen und Preisträgern. Die Nachricht habe sie in Island erreicht, wo sie gerade dem Wind zugehört habe, berichtete die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg.
Wer heute Abend wissen will, was diese Frau eigentlich schreibt, tut das Naheliegende und öffnet den E-Book-Shop. Einige ihrer Titel sind dort tatsächlich zu haben. Auf Deutsch liegen unter anderem Rot vor, die beiden Versromane über den Jungen Geryon, außerdem Decreation, Anthropologie des Wassers, Der bittersüße Eros, Irdischer Durst und ihre Berliner Rede zur Poesie Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte.
Das Buch aber, an dem sich Carsons Arbeitsweise am deutlichsten ablesen lässt, gibt es nicht als Datei. Es lässt sich nicht einmal sinnvoll als Datei denken. Nox erschien 2010 bei New Directions in New York. Es ist kein gebundenes Buch, sondern ein einziger, rund drei Meter langer Papierstreifen, im Leporello gefaltet und in einen grauen Karton gelegt. Es ist das Faksimile eines Erinnerungsbuchs, das Carson nach dem Tod ihres Bruders Michael für sich selbst angelegt hat. Der Bruder hatte die Familie lange zuvor verlassen und starb im Jahr 2000 in Kopenhagen. Carson klebte alte Briefe, Familienfotos, Collagen und Skizzen auf die Seiten. Dazu kommt ihre Übersetzung von Gedicht 101 des Catull, der Totenklage des römischen Dichters um seinen in der Troas gestorbenen Bruder. Carson zerlegt das lateinische Gedicht Wort für Wort, jedes mit einem eigenen Wörterbucheintrag, und montiert diese Einträge zwischen die Fragmente ihrer eigenen Trauer.
Kritiker haben den Karton mit einem Grabstein verglichen. Das trifft es. Man öffnet ihn, faltet aus, legt Seiten nebeneinander, die in einem gebundenen Buch nie zugleich sichtbar wären. Der Leser bewegt sich durch das Objekt, statt es durchzublättern.