taz, vom 21. September: CDU enteignet
Sonntagsfrage. Zwei Landtagswahlen, zwei Mal Rot-rot-grün – am selben Abend, an dem Friedrich Merz eigentlich seinen Triumph verwalten wollte. In Berlin holt die Linke aus eigener Kraft, was Merz für erledigt erklärt hatte: Platz eins, vor CDU und AfD, mit Elif Eralp womöglich als erster linker Regierender Bürgermeisterin. Das Rote Rathaus wird wieder rot. Kein Taschenspielertrick, keine Notlösung – ein linker Sieg, sauber an der Urne erarbeitet.
In Mecklenburg-Vorpommern ist die Sache unbequemer, denn dort gewinnt die AfD, und zwar deutlich. Rot-rot-grün regiert nur, weil es sich um die AfD herum organisiert – und auch das bloß, weil neber der CDU auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Eine Mehrheit aus Restbeständen. Aber sie steht.
Was in beiden Ländern zusammenfällt, ist die CDU. In Schwerin fährt sie ihr historisch schlechtestes Ergebnis ein, dann doch hart unter die fünf Prozent, zittert ums Parlament. In Berlin verliert sie das Rathaus. Der Mann, der die Linke für tot erklärte und Andersdenkende zu Leuten ohne Tassen im Schrank, steht am Ende des Abends selbst reichlich ausgeräumt da.
Häme sei erlaubt, aber Merz hat den Reformstau, gegen den er als Oppositionsführer noch polterte, nicht aufgelöst, sondern verwaltet. Er regiert noch immer an den Menschen vorbei und nennt es zehn Minuten nach der ersten Hochrechnung seinen Kurs. Nun präsentieren ihm zwei Länder die Quittung. Links ist vorbei war seine Prognose im Wahlkampf 2025. Ein Jahr weiter dreht sich die Geschichte. Bald ist es Merz.