Bild am Sonntag weiß, was Kanzler Merz diesen Sommer getan hat
Sonntagsfrage. Man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen: neun Prozent. So viele Wahlberechtigte halten Friedrich Merz laut YouGov noch für geeignet, das Amt auszufüllen, das er seit Mai bekleidet. Sein eigener Parteifreund Hendrik Wüst kommt in derselben Umfrage auf 25. Ein Kanzler, den nicht einmal jeder Zehnte im Kanzleramt sehen will, und ein Kronprinz aus Düsseldorf, der längst in den Startlöchern steht – seltener lässt sich Machtverfall so sauber in Prozentpunkten ablesen.
Der Rest der Umfrage liest sich wie ein Nachruf zu Lebzeiten. Nur 29 Prozent trauen Merz zu, bis zur regulären Wahl 2029 durchzuhalten. Eine Mehrheit rechnet mit dem vorzeitigen Ende, 18 Prozent sogar noch in diesem Jahr. Das ist keine Momentaufnahme schlechter Laune, das ist ein Land, das mit seinem Kanzler abgeschlossen hat, bevor er richtig angefangen hat.
Und über allem hängt ein Datum: der 25. April 2027. Dann wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag – das bevölkerungsreichste Bundesland, das alte Herzland der Volksparteien, regiert von jenem Hendrik Wüst, den die Deutschen dem eigenen Kanzler vorziehen. In den Umfragen liegt die CDU dort zwar noch vorn, bei 32 Prozent, doch der Trend weist nach unten, während die AfD zulegt und inzwischen mit der SPD bei 17 Prozent gleichauf liegt. Kein Wahlkampfmanager der Union wird diese Landtagswahl mit einem Kanzler bestreiten wollen, den neun Prozent für geeignet halten. Entweder Merz geht vorher – oder die Union riskiert, dass ihr das Ruhrgebiet endgültig davonschwimmt.
Das ist die Falle, in der er steckt: Sein wichtigster Kronprinz muss im Frühjahr 2027 das eigene Land verteidigen und kann es sich schlicht nicht leisten, dabei einen Kanzler mit sich zu schleppen, den keiner mehr will. Spätestens die NRW-Wahl wird so zur Abrechnung – und die halbe Republik rechnet damit, dass Merz sie gar nicht mehr als Kanzler erlebt.
Andererseits – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte – hat der Mann Pläne. Große Pläne. Er ruft den „Herbst der Reformen“ aus: Rente, Steuern, Entbürokratisierung, Digitalisierung, alles auf einmal, alles „so schnell wie möglich“. Am Dienstag schwört er sein Kabinett in Schloss Neuhardenberg auf Wachstum und Beschäftigung ein, das sei „das wichtigste Thema“. Von seinem Kurs lasse er sich „nicht beirren“.
Nicht beirren – während in der Eifel die Wälder brennen und er bei seinem ersten Auftritt nach drei Wochen Urlaub mit Buhrufen empfangen wird. Nicht beirren – während drei ostdeutsche Ministerpräsidenten aus den eigenen Reihen ihm die Rentenreform, das Herzstück des Pakets, unter der Hand zerlegen. Man kann Standhaftigkeit nennen, was hier geschieht. Man kann es auch Realitätsverweigerung nennen.
Es ist die eigentümliche Tragik dieses Kanzlers, dass beides gleichzeitig wahr ist: Er will regieren, als hätte er vier Jahre und eine Mehrheit. Er hat aber weder das eine noch das andere sicher. Der „Herbst der Reformen“, den Merz ausruft, könnte am Ende nur das Vorspiel gewesen sein – zu einem Frühjahr, in dem ihm die eigene Partei in Nordrhein-Westfalen die Rechnung präsentiert.