Hightech und Blech

Game Over, Boomer

Der langweilige Boomer-Bundespräsidenten fordert faire Regeln im Spiel

Download am Donnerstag als Nachlese zur Gamescom. Es war ein Novum. Am 27. August stand mit Frank-Walter Steinmeier erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt am Rednerpult des Gamescom Congress in Köln. Steinmeier wusste um seine Rolle als Fremdkörper. Vielleicht klinge ich jetzt zu sehr nach Boomer, sagte er, bevor er die versammelten Gamerinnen und Gamer bat, ihre Energie doch bitte in Ehrenamt, Zivilgesellschaft und demokratische Parteien zu tragen. Die taz nannte den Auftritt danach ein perfektes Einschlaf-Hörbuch und befand, aus dem Anlass wäre erkennbar mehr herauszuholen gewesen.

Der Auftritt war Symbolik, das Geschäft lief daneben. Denn die Gamescom ist längst nicht mehr nur Publikumsmesse, sondern der wichtigste Lobbytermin der Branche. Nach Angaben des Veranstalters kamen 2026 erstmals über 800 Politikerinnen und Politiker nach Köln. Neben Steinmeier gaben sich Finanzminister Lars Klingbeil, Forschungsministerin Dorothee Bär, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und mit Henna Virkkunen erstmals eine Vizepräsidentin der EU-Kommission die Klinke in die Hand, ausgerechnet die für technologische Souveränität zuständige.

Den Andrang nutzte der mitveranstaltende Branchenverband game für eine klare Botschaft. Er fordere schlankere Regeln und zugleich mehr staatliche Förderung, vor allem die im Koalitionsvertrag angekündigte steuerliche Games-Förderung. Seit 2019 habe allein der Bund mehr als 266 Millionen Euro in die Branche gesteckt, und der Verband hätte gern mehr.

Bemerkenswert ist, wovon in den Sonntagsreden über Kultur und Demokratie selten die Rede ist. Die deutsche und europäische Spielelandschaft läuft fast vollständig auf Infrastruktur, die niemandem hier gehört. Vertrieb, Bezahlung und Reichweite hängen an Steam, an den Stores von Sony, Microsoft, Nintendo, Apple und Google, allesamt Konzerne aus den USA oder Japan. Man kann das digitalen Kolonialismus nennen. Eine Branche, die nach eigenen Zahlen 40 Millionen Deutsche erreicht, besitzt die Kanäle zu ihrem Publikum nicht selbst.

Und hier wird der langweilige Vortrag des Bundespräsidenten plötzlich interessant. Ausgerechnet auf der Bühne seiner Gastgeber stellte sich Steinmeier hinter genau die Regulierung, gegen die der Verband arbeitet. Der Digital Services Act und der geplante Digital Fairness Act wiesen im Prinzip in die richtige Richtung, sagte er, und Europa solle diesen Weg auch gegenüber Anbietern außerhalb Europas selbstbewusst weitergehen. Der Digital Fairness Act zielt auf Lootboxen, manipulatives Design und In-Game-Käufe, also auf die Monetarisierungsmodelle, die einen erheblichen Teil der Branchenumsätze tragen.

Man muss sich die Szene vor Augen führen. Die Branche mietet sich das höchste Staatsamt als Kulisse, und dieses Staatsamt kündigt vom Podium herab mehr Verbraucherschutz an, während der Saal applaudiert. Die eigentliche Nachricht dieser Gamescom war nicht die Rede, sondern ihr Widerspruch. Wer öffentliches Geld und demokratische Weihen möchte, wird sich schwertun, im selben Moment als überreguliert zu gelten. Dass ausgerechnet die taz diesen Moment für langweilig hielt, sagt am Ende mehr über die Sehnsucht nach Krawall als über den Inhalt.

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Erstmals eröffnet ein Bundespräsident die Gamescom, hält eine brave Rede und stellt sich darin ausdrücklich hinter den Digital Fairness Act. Die Branche feiert die Bühne und lobbyiert zugleich gegen die Regeln. Wer sich vom Staat adeln und fördern lässt, kann schlecht gleichzeitig die Regulierung als Standortnachteil beklagen.