Hightech und Blech

Leere im Metaverse

Mittwochs im Metaverse. Es war der vielleicht ambitionierteste Pivot der Tech-Geschichte: Im Oktober 2021 trat Mark Zuckerberg vor die Kameras, erklärte das bisherige Internet für überholt und benannte kurzerhand das gesamte Unternehmen in Meta um. Die Zukunft, das war für ihn klar, gehörte dem Metaverse. Fünf Jahre weiter und 88 Milliarden US-Dollar später ist diese Zukunft vorbei – offiziell ab dem 15. Juni 2026.

Am 18. März kündigte Meta in einem knappen Community-Blogbeitrag das Ende von Horizon Worlds auf den eigenen Quest-Headsets an. Schon Ende März verschwand die App aus dem Quest Store, bestehende Installationen sollen bis zum Stichtag im Sommer funktionieren – danach lebt die Plattform nur noch als Smartphone-App weiter. Was einst das digitale Rückgrat einer neuen Internet-Ära sein sollte, schrumpft damit auf ein Niveau, das man in Teilen auch mit Roblox auf dem alten iPad erreicht.

Bemerkenswert war weniger die Ankündigung selbst als das, was am Tag danach passierte. CTO Andrew Bosworth meldete sich via Instagram-Story zu Wort und erklärte, man habe sich gerade heute entschieden, Horizon Worlds in VR doch weiter laufen zu lassen – zumindest für bestehende Spiele. Neue Inhalte werde es keine geben, der Großteil der Ressourcen fließe wie geplant in die Mobile-Version. Die Fans, die sich nach der Ankündigung zu Wort gemeldet hatten, hätten diesen Sinneswandel ausgelöst.

Das bedeutet in der Praxis Horizon Worlds in VR wird zu einem Wartungsmodus-Produkt, das technisch noch existiert, aber strategisch längst aufgegeben wurde. Wer je gesehen hat, wie Meta seine auslaufenden Produkte behandelt, kann sich vorstellen, wie lange das noch gut geht.

Wir trennen die beiden Plattformen, damit sich jede gezielter weiterentwickeln kann.
[ Meta im Community-Forum, März 2026 ]

Die Chronologie eines teuren Scheiterns war rückblickend absehbar; nur der genaue Zeitpunkt nicht. Schon kurz nach dem Launch von Horizon Worlds machten Berichte und Screenshots die Runde, auf denen die Avatare wie Figuren aus einem Browser-Casual-Game von 2009 aussahen – ohne Beine, mit großen glasigen Augen, irgendwo zwischen Muppet und PowerPoint-Clip-Art. Das Internet war wenig gnädig.

Technische Probleme, eine fehlerorientierte interne Kultur und das schlichte Desinteresse der Nutzer setzten sich dann über Jahre fort. Ehemalige Mitarbeiter berichteten von einem Management, das konsequent an den Wünschen der Nutzer vorbeientwickelte. Die Plattform verzeichnete zu keinem Zeitpunkt mehr als einige hunderttausend aktive Nutzer pro Monat – ein ernüchterndes Ergebnis für ein Unternehmen, das Milliarden von Menschen über seine anderen Plattformen erreicht.

Meta war bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das auf VR als Massenmarkt gesetzt hat – und entsprechend nicht allein mit dem Scheitern. Apple brachte 2024 die Vision Pro für 3.500 Dollar auf den Markt und musste kurz darauf die Produktion mangels Nachfrage deutlich zurückfahren. Quest-Headset-Verkäufe sanken 2025 um 16 Prozent.

Das strukturelle Problem blieb. Die VR-Brillen sind bis heute zu klobig, zu teuer und zu unbequem, um den Massenmarkt zu erreichen. Selbst begeisterte Early Adopter hören nach einigen Wochen auf, das Headset regelmäßig zu nutzen. Eine Plattform, die auf tägliche soziale Interaktion angewiesen ist, hat damit ein kaum lösbares Nutzungsproblem.

Die Antwort auf die Frage, wie es nun weitergeht, hat Zuckerberg längst gegeben: Künstliche Intelligenz. Für 2026 plant Meta Investitionen zwischen 115 und 135 Milliarden Dollar, fast ausschließlich in KI-Infrastruktur. Ein eigenes Superintelligence Lab wurde gegründet, Toptalente von Konkurrenten abgeworben. Die Sprache ist dieselbe wie 2021 – groß, visionär, unvermeidlich.

Der entscheidende Unterschied, den Meta-Unterstützer gerne betonen: KI funktioniert bereits heute und generiert echtes Geld. Metas KI-gestützte Werbeoptimierung treibt ein Geschäft, das 95 Prozent des Umsatzes ausmacht. Im vierten Quartal 2025 lag der Gesamtumsatz bei knapp 60 Milliarden Dollar. Und die Ray-Ban Meta Smart Glasses verkaufen sich offenbar besser als erwartet.

VR ist damit nicht tot – aber sie bleibt, was sie trotz allem Hype immer war: eine Nische. Meta wird die Quest-Hardware weiterentwickeln, zwei neue Brillen sollen bereits in der Pipeline sein. Nur das soziale Metaverse, die große Plattform für alle, ist definitiv Geschichte. Der 15. Juni ist ihr Begräbnis. Im engsten Kreise derer, die das überhaupt genutzt haben.