Junge Menschen zeigen sich solidarisch und haben Solidarität verdient
Sonntagsfrage. Frankreichs Jugend hat das Land in Aufruhr versetzt. Deutschland schaut zu und hält das für eine französische Spezialität. Das ist ein Irrtum.
Es begann mit Lehrermangel und maroden Gebäuden an Gymnasien in den Arbeitervororten nördlich von Paris. Wenige Wochen später stehen ehemalige Gelbwesten, Studierende, Klimabewegte und Landwirte gemeinsam auf der Straße, und Frankreich erlebt die schwersten Ausschreitungen seit Jahren. Rund 2.000 Festnahmen, mehr als 600 verletzte Polizisten, geplünderte Läden, ein brennendes Rathaus. Die Regierung kündigt rigorose Strafverfolgung an. Das ist die eine Hälfte der Geschichte, und es ist die Hälfte, die man hierzulande am liebsten erzählt.
Die andere Hälfte geht so. Sprit, Lebensmittel und Energie sind teuer, die Löhne sind es nicht. Und eine Generation hat begriffen, dass das Versprechen vom Aufstieg durch Bildung in heruntergekommenen Schulen nicht eingelöst wird. Die Soziologin Agnès van Zanten nennt die Proteste das Symbol einer verzweifelten Jugend. Man muss kein Franzose sein, um sich darin wiederzuerkennen.
Denn was in Paris brennt, schwelt in Hamburg, München und Berlin. Wer hier als Azubi oder Studentin eine bezahlbare Wohnung sucht, sucht lange. Die Bundesschülerkonferenz warnt, in ihrer Generation sammle sich ein ungeheurer Frust. Das ist keine Parole aus der autonomen Szene, das ist die gewählte Vertretung der Schüler:innen.
Und doch zogen am Samstag in Berlin nur rund 300 Menschen zum Französischen Gymnasium. Die deutsche Protestkultur ist eben eine andere. Angemeldet, ordentlich gelaufen, pünktlich aufgelöst. Das ist nicht nur Schwäche. Wer sieht, wie schnell in Frankreich die Bilder der Plünderungen die Forderung nach mehr Lehrkräften verdrängen, ahnt, dass Krawall vor allem jenen nützt, die über das Eigentliche nicht reden wollen. Und in Deutschland stünde die AfD bereit, die Wut der Jungen einzusammeln, wenn es sonst niemand tut.
Genau deshalb wäre es fatal, wenn der deutsche Herbst ein Zuschauerherbst bliebe. Der in eigener Schreibweise freie zusammenschluss von student*innenschaften ruft für den 17. November zu bundesweiten Protesten gegen Wohnungsnot und Armuts-BAföG auf, im November sei zudem ein europäischer Aktionstag geplant. Das ist die Gelegenheit, die französische Energie ohne das französische Feuer zu übernehmen. Dafür müssten Gewerkschaften, Mietervereine und Schülervertretungen allerdings endlich zusammenfinden, statt jeweils ihre eigene Nische zu bespielen.
Die Bundesregierung sollte nicht glauben, Ruhe auf der Straße bedeute Zufriedenheit. Oft bedeutet sie nur, dass die Geduld noch nicht aufgebraucht ist. Die Themen sind längst angekommen. Offen ist nur, wer sie aufgreift.