Eine Woche vor der WWDC zeigt sich die Schattenseite der App-Ökonomie von Apple
Finanzen am Freitag. Pünktlich zum Auftakt der Entwicklerkonferenz hat Apple wieder die große Zahl ausgepackt: über 1,4 Billionen Dollar soll das App-Store-Ökosystem 2025 an Entwickler-Billings und -Umsätzen ermöglicht haben – und auf über 90 Prozent davon, betont Cupertino, sei keine Provision fällig geworden. Veröffentlicht am 4. Juni, eine Woche vor der WWDC, ist die Botschaft so subtil wie ein Werbespot: Wer auf Apples Plattform baut, dem fließt ein steter Strom des Cash-Flows zu.
Schön. Nur verschweigt die Erzählung, was am anderen Ende derselben Pipeline läuft. Der App Store, den Apple als sichersten Marktplatz der Welt verkauft, ist auch der Vertriebskanal für Software, mit der Paketboten getrackt, getaktet und drangsaliert werden. Routenoptimierung, die in Wahrheit Sekundentakt-Überwachung ist. Scores, die jede Pinkelpause zur Leistungsdelle machen. Gamifizierte Drohkulissen, die den Akkord ins Smartphone verlegen. Auch das ist App-Ökonomie – nur taucht es in keiner Analysis-Group-Studie auf.
Rund zehn Millionen Pakete werden in Deutschland pro Tag zugestellt. Die meisten kommen mittlerweile über private Dienstleister in die Haushalte. Doch deren Arbeitsbedingungen verstoßen häufig gegen deutsche Gesetze.
[ tagesschau.de :: Alltag von Paketboten ]
Apple kann aber nicht beides haben: sich als wohlwollender Türsteher feiern, der jede App auf Herz, Nieren und Datenschutz prüft – und zugleich die Verantwortung für das toxische Sortiment von sich weisen. Wer die kuratorische Macht hat, eine App wegen eines falschen Icons abzulehnen, der hat auch die Macht, Werkzeuge zu regulieren, deren einziger Zweck die Disziplinierung von Beschäftigten ist.
Statt eines garantierten Stundenlohns gibt es Geld pro Lieferung – Wartezeiten werden nicht bezahlt, sodass viele faktisch unter dem Mindestlohn landen. Krankengeld? Urlaub? Fehlanzeige. Kranken- und Sozialversicherung tragen viele selbst. Bis zu 35 Prozent ihres Einkommens müssen manche als Provision an die Flottenpartner abtreten.
[ htub.de ]
Der naheliegende Kompromiss ist deshalb keine Maximalforderung, sondern eine Konsequenz aus Apples eigener Rhetorik. Wer Kuratierung als Tugend reklamiert, muss sie auch dort anwenden, wo es wehtut. Konkret hieße das verbindliche Review-Kriterien für Apps, die Arbeitnehmer überwachen, eine Beweislastumkehr für Anbieter, die Standort-, Biometrie- oder Leistungsdaten von Beschäftigten erheben, und einen Meldeweg, über den Betriebsräte und Gewerkschaften missbräuchliche Apps melden können – mit derselben Geschwindigkeit, mit der heute Urheberrechtsverstöße bearbeitet werden.
Den Rahmen liefert die EU längst mit: DMA, DSA und die Plattformarbeits-Richtlinie nehmen Gatekeeper in die Pflicht, und Apple steht in Brüssel ohnehin unter Dauerbeobachtung. Es wäre ein Leichtes, aus der Not eine Tugend zu machen.
Wahrscheinlicher ist freilich, dass in der kommenden Woche in Cupertino wieder die Billionen-Folie über die Leinwand wandert, begleitet von Tim Cooks Satz, die Entwickler seien das Herz des App Store. Das stimmt. Es wäre nur schön, wenn dieses Herz auch für jene schlüge, die am unteren Ende der Lieferkette die Pakete schleppen und Pizza ausfahren für die Devs, die mal wieder länger im Büro geblieben sind.