Hightech und Blech

Hagelschaden im Merz

Die SPD sollte der Frage nachgehen, wann sie den Kontakt zu ihrer Basis verloren hat

Sonntagsfrage am Wahltag in Baden-Württemberg. Der Südwesten hat heute einen neuen Landtag gewählt, und ehrlich gesagt war der Abend spannender als die meisten Fußballspiele. Grüne gegen CDU, Kopf an Kopf – bis zum Schluss wusste niemand, wer die Nase vorne haben wird. Am Ende landen die Grünen mit Spitzenkandidat Cem Özdemir knapp vor der CDU von Landeschef Manuel Hagel. Die Grünen kommen auf rund 30,2 Prozent, die CDU liegt mit 29,7 Prozent knapp dahinter. Kein Erdrutsch, eher ein Foto-Finish.

Özdemir selbst erklärte, das Ausgreifen in alle Lager habe erkennbar funktioniert. Er hat sich als Wirtschafts-Grüner positioniert, der nicht dauernd mit dem Klimahammer droht, sondern Ökologie und Ökonomie zusammendenkt. Das kam an.
Weniger gut kam der Abend für alle anderen. Die AfD hat ihr Ergebnis fast verdoppelt und landet bei rund 17,7 bis 18,2 Prozent. Das ist ein Alarmsignal, das niemand wegdiskutieren kann. Die SPD erlebt ein historisches Debakel und stürzt auf rund 5,4 Prozent ab – Spitzenkandidat Andreas Stoch zog die Konsequenzen und kündigte noch am Wahlabend seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. FDP und Linke scheitern beide an der Fünfprozenthürde. Raus. Fertig. Tschüss.

Was bedeutet das für Berlin? Eine ganze Menge. Cem Özdemir wird aller Voraussicht nach Ministerpräsident des drittgrößten Bundeslandes – und damit zu einer der wichtigsten Stimmen der Grünen in Deutschland überhaupt. Für eine Partei, die auf Bundesebene gerade nach ihrer Wahlniederlage in der Opposition sitzt, ist das ein echter Lebenszeichen-Moment. Die Grünen sind nicht weg, sie regieren weiter – und zwar ausgerechnet im wirtschaftsstarken Ländle.

Für die CDU ist das Ergebnis zwiespältig: Sie hat deutlich zugelegt, aber den ersten Platz trotzdem verpasst. Und während Friedrich Merz in Berlin gerade versucht, eine neue Bundesregierung zu formen, bekommt er aus Stuttgart das Signal, dass die Grünen als Koalitionspartner im Süden weiter mitregieren werden – was die Verhandlungslogik auf Bundesebene komplizierter machen könnte.

Das eigentliche Alarmsignal bleibt die AfD. Fast 18 Prozent in einem wirtschaftlich starken, vergleichsweise wohlhabenden Bundesland – das zeigt, dass Protest-Wählen längst kein Ost-Phänomen mehr ist. Für alle etablierten Parteien in Berlin ist das eine Botschaft, die sie besser ernst nehmen sollten.