tech

Aktien-Parallel-Gesellschaften

apple liquified by midjourney

Menschen, Macs und Märkte. Aktienrückkäufe sind längst kein Randphänomen mehr, sondern ein zentrales Betriebssystem des heutigen Kapitalismus – und Apple ist sein vielleicht reinster Ausdruck. Am Beispiel des Konzerns lässt sich zeigen, wie Finanztechnik reale Märkte in gelenkte Systeme verwandelt, in denen ein kleiner Kreis von Konzernen und Vermögensbesitzern die Spielregeln bestimmt – mit Folgen bis in den Wohnungsmarkt und die Rüstungsindustrie hinein.

Unter Tim Cook hat Apple in gut einem Jahrzehnt etwa 700 bis 850 Milliarden US‑Dollar an die Aktionäre zurückgegeben, überwiegend über Aktienrückkäufe – eine Summe, die für sich genommen größer ist als die Marktkapitalisierung der meisten Dax-Konzerne. Im Geschäftsjahr 2024 lagen die Rückkäufe bei rund 95 Milliarden Dollar, im jüngsten Fiskaljahr bei etwa 91 Milliarden Dollar – jedes Jahr ein neuer, fast routinierter Rekord.

Apple kündigte 2024 ein neues Rückkaufprogramm von 110 Milliarden Dollar an, das größte der Unternehmensgeschichte; die Aktie sprang nach der Ankündigung deutlich nach oben. 2025 folgte die nächste Tranche mit 100 Milliarden Dollar, wiederum kombiniert mit einer leichten Dividendenerhöhung – ein Signal an den Markt, dass der Vorrang der Aktionärsvergütung ungebrochen bleibt.

In diesen Zahlen drückt sich ein Strukturwandel aus: Der Technologiepionier verwandelt sich in eine gigantische Rückkaufmaschine, deren Hauptprodukt nicht mehr nur iPhones sondern verknappte Aktien sind.

Offiziell dienen Rückkäufe einer optimierten Kapitalstruktur und der Rückgabe überschüssiger Liquidität an die Eigentümer. De facto verschieben sie die Gewichte an den Märkten – und zwar in einer Weise, die an Planwirtschaft erinnert.

Rückkäufe erzeugen künstliche Nachfrage nach der eigenen Aktie, reduzieren die frei handelbaren Stücke und treiben so Kurs und Gewinn je Aktie nach oben, ohne dass sich an Produktivität oder Innovation etwas zwingend ändert. Manager wie Tim Cook, deren Vergütung an Kursen und Gewinn je Aktie hängt, haben einen starken Anreiz, den Markt durch Rückkäufe zu steuern – eine Form der Kursplanung, die sich kaum von anderen Lenkungsmechanismen unterscheidet.

Wenn ein einzelner Konzern Jahr für Jahr 90 oder 100 Milliarden Dollar in die eigene Aktie pumpt, wird der Markt für dieses Papier faktisch nicht mehr frei gebildet, sondern durch das Management budgetiert. Was wie Markt aussieht, ist dann ein von innen heraus steuerbares System – der Unterschied zum staatlichen Plan liegt weniger in der Methode als im Adressaten der Gewinne.

Der Rückkaufkapitalismus führt in eine doppelte Sackgasse: Er untergräbt die Legitimation des Marktes – und blockiert Investitionen dort, wo sie gesellschaftlich dringend wären. Während Rivalen hohe Summen in neue Kapazitäten, Forschung und Infrastruktur investieren, verwendet Apple einen Großteil seines finanziellen Spielraums auf die Bedienung der Aktionäre; Kritiker sprechen von einer Tretmühle, die Innovation durch Finanztechnik ersetzt.

Makroökonomisch verschiebt die Rückkaufwelle Billionenbeträge von Investitionen in Löhne, Klimaschutz oder Digitalisierung hin zu Kursgewinnen und Vermögenskonzentration – eine Umverteilung von unten und von der Zukunft nach oben und in die Gegenwart. Je größer die Unternehmen, desto planwirtschaftlicher wird dieses System: Einige wenige Konzerne legen de facto fest, wie viel Kapital noch in produktive Risiken fließt und wie viel in eigene Kursstützung. Der vielbeschworene Wettbewerb wird von innen ausgehöhlt – an seine Stelle tritt eine Oligarchie aus Tech‑, Finanz‑ und Infrastrukturkonzernen, die einander kaum mehr wirklich gefährlich werden.

Die politische Frage lautet: Was folgt daraus für Bereiche, in denen der Staat ohnehin Hauptkunde oder Hauptzahler ist – etwa Wohnen am unteren Rand des Marktes oder Rüstung? Dort ist von freien Märkten oft nur noch die Fassade übrig. Wohnungskonzerne, deren Mieter in großer Zahl Bürgergeld beziehen, erwirtschaften ihre Renditen zu einem erheblichen Teil aus staatlich finanzierten Transferleistungen; die Mietzahlung ist dann nicht Ausdruck eines freien Tauschs, sondern Ergebnis sozialstaatlicher Umlenkung.
Rüstungskonzerne, die ausschließlich an staatliche Akteure verkaufen, operieren in einem de-facto-Monopolkosmos, in dem Budgetentscheidungen, Lobbyismus und Geheimhaltung die Rolle von Angebot und Nachfrage übernehmen.

In beiden Fällen steuert nicht der Markt, sondern ein enges Geflecht aus Konzernen, Ministerien und Investoren über Preise, Mengen und Profite. Wenn an der Börse dann noch Rückkäufe hinzukommen, die die Kurse nach oben planen, ist die Grenze zur privat organisierten Planwirtschaft überschritten.

Der Vorschlag, in solchen Bereichen über Verstaatlichung oder deutlich schärfere Kontrolle nachzudenken, folgt einer einfachen Logik: Wo der Staat ohnehin den Großteil der Nachfrage stellt oder die Zahlungsströme finanziert, sollte auch die demokratische Kontrolle der Wertschöpfung steigen.
Bei Wohnungskonzernen, deren Geschäftsmodell auf staatlich bezahlten Mieten beruht, spricht viel für eine öffentliche oder genossenschaftliche Trägerschaft, die Renditen begrenzt und Versorgungssicherheit, nicht Kursziele, zum Maßstab macht.
Bei reinen Rüstungsstaatlern, die quasi als ausgelagerte Beschaffungsämter agieren, ist eine Palette denkbar: von harter Gewinnregulierung und Rückkaufverboten über staatliche Goldene Aktien bis hin zur vollständigen Verstaatlichung strategischer Kapazitäten.

Gegenüber einem Kapitalismus, der sich über Rückkäufe selbst aufisst, wäre dies kein Bruch mit der Marktwirtschaft, sondern deren Rettung: Märkte dort, wo Wettbewerb und Innovation tatsächlich stattfinden; öffentliche oder streng regulierte Strukturen dort, wo wenige Konzerne und große Budgets längst faktische Planwirtschaft betreiben. Apple zeigt, wohin die Reise sonst führt – in eine Ökonomie, in der Aktienkurse perfekt geplant sind, während reale Probleme ungelöst bleiben.

, ,

Noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Powered by WordPress. Designed by Woo Themes

%d Bloggern gefällt das: