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Dialoge der Dissonanz in Davos

WEF 2026 · Bild: Midjourney

Sonntagsfrage im Schatten des WEF 2026. Die Agenda beim World Economic Forum in Davos kreiste in diesem Jahr um fünf große Versprechen: den Schutz einer offenen Weltwirtschaft, die Einhegung von KI, neue Wachstumsquellen, Klimaschutz innerhalb planetarer Grenzen und die Investition in Menschen statt nur in Maschinen. Zugleich zeichnet der vorab veröffentlichte Global Risks Report ein Panorama aus geopolitischer Konfrontation, Desinformation und ökologischer Destabilisierung.

Unter dem Leitmotiv eines Spirit of Dialogue versammelten sich rund 3.000 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, um über Kooperation in einer zunehmend zersplitterten Welt zu sprechen. Im Zentrum standen an allen fünf Tagen (19-23.1) Fragen, wie regionale Allianzen, öffentliche Entwicklungsbanken und private Investoren trotz Sanktionen, Exportkontrollen und wachsendem Misstrauen globale Lieferketten, humanitäre Hilfe und Investitionen in Schwellenländer aufrechterhalten können.

Nostalgia is part of our human story, but nostalgia will not bring back the old order and playing for time and hoping for things to revert soon will not fix the structural dependencies we have.
[ Ursula von der Leyen, weforum.org ]

Von künstlicher Intelligenz über Quantencomputing bis Biotechnologie und neue Energiesysteme sollen Frontier Technologies Produktivitätsschübe bringen und neue Wachstumsfelder öffnen. Parallel dazu formulierten Ökonomen und Unternehmensberater die Hoffnung, durch agentische KI, Resilienzstrategien und eine stärker auf Kompetenzen statt auf Karrieren fokussierte Brain Economy Unternehmen robuster und Gesellschaften wohlhabender zu machen.

Drittens wurde die alte Davoser Formel von Wachstum innerhalb planetarer Grenzen neu aufgelegt: Debatten über CO₂-Bepreisung im Handel, Wasserknappheit, Versicherungsmodelle für Klimarisiken und den Umbau der Energiesysteme sollten zeigen, dass wirtschaftliche Stabilität ohne einen halbwegs intakten Planeten nicht zu haben ist.

Wenn Staaten aber Handel und Kapitalflüsse zur Waffe machen, drohen zerfranste Lieferketten, geringere Investitionen und ein Rückgang des Welthandelswachstums, den Prognosen zufolge bereits 2026. Als zweite Bruchlinie erscheinen Kriege und die Gefahr weiterer Eskalationen, die das ohnehin schwächere Wachstum abwürgen, wie der WEF-Präsident warnte. Hinzu kommen ein hohes Schuldenniveau – viele Länder zahlen inzwischen mehr für Zinsen als für Gesundheit und Bildung – und die Sorge, dass eine neue Finanzschockwelle sich in einem eng vernetzten System noch schneller ausbreiten könnte.

Im inneren Gefüge der Gesellschaft werden Desinformation, Polarisierung und wachsende Ungleichheit als Beschleuniger der Krisendynamik beschrieben. Kurzfristig gelten Falschinformationen und gesellschaftliche Spaltung als Top-Risiken, langfristig drohen extreme Wetterereignisse, Biodiversitätsverlust und ökologische Kipppunkte. Es ist die vielleicht unbequemste Diagnose in Davos: Eine Welt, in der Reichtum sich oben konzentriert und Klimaschäden unten, verliert die politische Basis für jede Form langfristiger Zukunftspolitik.

Ohne wirksame Regulierung könnten Automatisierungsschübe, die von AI und KI getrieben sind, Jobs vernichten, soziale Verwerfungen verstärken und das Vertrauen in demokratische Institutionen weiter erodieren. Zugleich wächst die Gefahr, dass generative Systeme Desinformation billiger und wirkmächtiger machen.

Auch in der Energiepolitik zeigte sich ein harter Konflikt: Vertreter der US-Regierung und der Ölindustrie forderten eine deutliche Ausweitung der globalen Ölproduktion und kritisierten europäische Investitionen in erneuerbare Energien als überzogen. Der Internationale Energieagentur zufolge haben sich die Risiken für die Energiesicherheit vervielfacht, während Klimaforscher darauf beharren, dass jede Verzögerung beim Ausstieg aus fossilen Energien die langfristigen Schäden exponentiell erhöht.

So entsteht ein paradoxes Bild: Die gleichen Technologien und Märkte, die Wohlstand versprechen, könnten – bei falscher Steuerung – Arbeitslosigkeit, klimabedingte Zerstörung und geopolitische Eskalationen verstärken. Die Frage, ob demokratische Politik, Regulierung und internationale Kooperation mit der Geschwindigkeit von KI, Finanzmärkten und Emissionen Schritt halten können, bleibt der unausgesprochene Stresstest dieses Forums, analysiert McKinsey.

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Davos 2026 inszeniert sich als Labor einer zukunftsfähigen Globalisierung, in der KI die Produktivität hebt, grüner Umbau Wachstum schafft und Staaten trotz Konflikten zusammenarbeiten. Doch der eigene Risikobericht liest sich wie ein Gegenprogramm: geostrategische Wirtschaftskriege, Desinformation, soziale Spaltung, Schuldenberge und Klimakrise drohen die Grundlagen dieser Vision zu unterminieren.

Zwischen Podium und Realität klafft somit eine Lücke, die sich nicht mit weiteren Panels schließen lässt. Ob aus dem Spirit of Dialogue politische Entscheidungen und Umverteilungen folgen, die Risiken wirklich verringern, entscheidet sich nicht im alpinen Seminarraum – sondern in Haushaltsdebatten, Tarifkonflikten, Wahlkämpfen und an den Orten, an denen die Kosten der großen Transformation heute schon zu spüren sind.

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