
Finanzen am Freitag. Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 haben sich zwei Thesen in der Investoren-Community verbreitet: Erstens, dass der Konflikt über den Ölpreiskanal einen nachhaltigen Inflationsimpuls setzt. Zweitens, dass die Kapitalallokation der Golfstaaten – bislang ein Treiber für globale KI-Infrastruktur – durch Wiederaufbaukosten und geopolitische Neubewertung signifikant umgelenkt wird. Beide Thesen haben empirische Substanz. Beide sind zugleich differenzierter, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Brent-Rohöl notiert derzeit bei rund 111 US-Dollar pro Barrel – ein Anstieg von rund 55 Prozent seit Kriegsbeginn. An deutschen Zapfsäulen sind Preise von über zwei Euro pro Liter Benzin und Diesel seit Anfang März die Regel. Der Transmissionskanal vom Ölpreis zur Gesamtinflation ist historisch gut belegt und wirkt über Energie, Transport, Vorprodukte und entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die EZB hat auf ihrer jüngsten Sitzung die Leitzinsen unverändert gelassen, warnt aber explizit: EZB-Präsidentin Lagarde bezeichnete den Krieg als signifikantes Aufwärtsrisiko für die Preisstabilität. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) berechnete: Bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar lägen die Verbraucherpreise 2026 rund 0,8 Prozent höher, 2027 rund 1,0 Prozent. Das DIW und das IMK der Hans-Böckler-Stiftung kommen zu vergleichbaren Einschätzungen für das laufende Jahr.
Ein länger andauernder Konflikt würde die Inflation weiter anheizen und die wirtschaftliche Aktivität dämpfen – das erschwert unsere Reaktionsfähigkeit erheblich.
[ Christine Lagarde, EZB ]
Das eigentliche Risiko ist struktureller Natur: Die EZB steht vor einem klassischen Stagflations-Dilemma. Zinssenkungen zur Stützung der Konjunktur – bei gleichzeitiger Inflation über Ziel – wären geldpolitisch kaum vertretbar. Zinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung würden eine bereits schwächelnde Wirtschaft weiter unter Druck setzen. Die BIP-Prognose geht derzeit von einem knappen Prozentpunkt (0,9 Prozent) aus.
Die zweite These – dass Wiederaufbaukosten in der Golfregion KI-Investitionen global verdrängen – ist strukturell valide, aber mechanistisch differenzierter als zunächst angenommen. Die Golfstaaten haben sich vor dem Krieg zu insgesamt rund 2,5 Billionen US-Dollar an Investitionszusagen in US-Technologie verpflichtet. Darunter ein geplantes 5-Gigawatt-KI-Campus in Abu Dhabi (Stargate UAE mit OpenAI, G42, Oracle, Nvidia, SoftBank), ein 5-Milliarden-Dollar-KI-Hub von Amazon in Riad, sowie ein 20-Milliarden-Dollar-KI-Fonds aus Katar.
Der Krieg hat diese Planungen unmittelbar getroffen. Drei Amazon-Rechenzentren in UAE und Bahrain wurden durch Drohnenangriffe beschädigt. Nvidia, Amazon und Apple schlossen ihre Büros in Dubai. Die International Energy Agency meldete, der Konflikt sei die größte Öl-Angebotsunterbrechung der Geschichte nach Volumen und Prozentsatz des Weltangebots. Laut The Information sind mehr als 300 Milliarden US-Dollar an geplanten Gulf-KI-Ausgaben direkt gefährdet.
Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass KI-Infrastruktur ein direktes militärisches Ziel ist. Was diese Situation von früheren Ölschocks unterscheidet.

Noch keine Kommentare.