
Soll die KI die Menschheit auslöschen? Oder bloß die Menschlichkeit, damit der Klimawandel das nicht macht
#fuckingfriday. Es gibt die Erzählung, die Warnungen vor künstlicher Intelligenz seien bestellt. Wer über Superintelligenz und Kontrollverlust rede, müsse sich nicht über Dürren, Hitzetote und verfehlte Klimaziele auslassen. Die Erzählung ist bequem, weil sie zwei unbequeme Themen auf eines reduziert. Aber sie ist auch falsch. Allerdings nicht ganz so falsch, wie ihre Gegner glauben.
Im März 2023 forderte ein offener Brief des Future of Life Institute eine sechsmonatige Pause für die Entwicklung großer Sprachmodelle. Unterzeichnet hatten unter anderem Elon Musk und Steve Wozniak. Wenige Wochen später folgte eine Erklärung des Center for AI Safety, die das Risiko einer Auslöschung der Menschheit durch KI in eine Reihe mit Pandemien und Atomkrieg stellte. Zu den Unterzeichnern gehörten die Chefs von OpenAI, Google DeepMind und Anthropic.
Die schärfste Kritik daran kam nicht von Klimaaktivisten. Sie kam aus der KI-Forschung selbst. Timnit Gebru, Emily M. Bender, Angelina McMillan-Major und Margaret Mitchell, Autorinnen des einflussreichen Aufsatzes über stochastische Papageien, antworteten noch im März 2023 auf den Pausenbrief. Die hypothetischen Risiken seien Kern einer gefährlichen Ideologie namens Longtermismus, die die tatsächlichen Schäden heutiger KI-Systeme ignoriere. Gemeint waren ausgebeutete Clickworker, abgegriffene Trainingsdaten, synthetische Medien und eine Machtkonzentration bei wenigen Konzernen.
Das ist der rationale Kern der Ablenkungsthese. Wer die Apokalypse beschwört, verschiebt die Debatte von der Gegenwart in eine ferne Zukunft. Und er inszeniert sich als einzige Instanz, die das Monster noch bändigen kann. Für Unternehmen, die ihre Produkte zugleich als gefährlich und als unverzichtbar verkaufen, ist das ein glänzendes Geschäftsmodell.
Nur führt das ins Nirgendwo. Erstens lautet die eigentliche Frage anders. Dürfen wir die KI-Schäden verdrängen, so wie wir auch die Klimafrage gerne ausblenden? KI-Risiken sind längst kein Stoff für Science-Fiction mehr. Gefälschte Audioaufnahmen in Wahlkämpfen, automatisierte Phishing-Kampagnen und diskriminierende Bewerberfilter sind dokumentiert. Die EU hat daraus Recht gemacht. Die Verbote des AI Act gelten seit Februar 2025, die Pflichten für Allzweckmodelle seit August 2025. Dass Brüssel mit dem Digital Omnibus die Hochrisiko-Pflichten auf Dezember 2027 und August 2028 verschoben hat, ist ein Zugeständnis an die Industrie. Die Risiken verschwinden dadurch nicht, sie bekommen nur mehr Zeit.
Wer KI-Risiken als Nebelkerze abtut, landet übrigens in bemerkenswerter Gesellschaft. Er wiederholt dasselbe Muster, mit dem Klimaskeptiker seit Jahrzehnten wissenschaftliche Warnungen als interessengeleitete Panikmache abtun. Die richtige Antwort auf Lobbyinteressen ist Prüfung der Fakten. Pauschales Misstrauen ist keine.
Zweitens dreht sich die Frage um. KI lenkt nicht vom Klima ab, KI ist selbst ein Klimathema. Der Stromverbrauch der Rechenzentren, getrieben vor allem durch KI, dürfte sich laut Internationaler Energieagentur bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln. Das wäre etwas mehr, als Japan heute insgesamt verbraucht. Google meldete für 2025 einen Anstieg seiner Treibhausgasemissionen um 18 Prozent, den größten Jahreszuwachs seiner Berichtsgeschichte. Viele Tech-Konzerne versprechen eine saubere Zukunft. Google will bis 2030 bei Netto-Null sein, Microsoft sogar CO2-negativ. Beide Ziele rücken mit jedem neuen Rechenzentrum weiter weg. Die IEA hält es zwar für möglich, dass KI-gestützte Einsparungen in Netzen, Industrie und Verkehr den Mehrverbrauch ausgleichen könnten, sofern die Technologie breit eingesetzt werde. Das ist ein Versprechen im Konjunktiv. Der Mehrverbrauch steht im Indikativ.
Und drittens müssen wir wissen, dass die Risiken einer KI und die Gefahren aus dem Klimawandel zwei reale Bedrohungen sind. Beide haben ihre Berührungspunkte, ihre Vektoren weisen in dieselbe Richtung, und beide sind das Ergebnis unserer eigenen wirtschaftlichen Aktivität auf diesem Planeten. Kurzum, menschengemacht. Und deshalb können auch nur wir es sein, die Rechenleistung und Energie so einsetzen, dass sie uns nützen statt schaden.

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