
Der Preis des Geldes und der Preis der Zukunft
Finanzen am Freitag. Drei Nachrichten in einer Woche, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Am Montag reichte Anthropic, der Hersteller des KI-Assistenten Claude, seinen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Am Donnerstag ließ die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen unverändert. Wenige Stunden zuvor hatte Christine Lagarde verkündet, dass sie die EZB am 7. Februar 2027 verlässt, fast neun Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit.
Der gemeinsame Nenner heißt Zeit. Genauer gesagt die Frage, was Geld heute kostet und was die Zukunft morgen wert ist.
Anthropic will im November unter dem Kürzel ANT an der Nasdaq notieren. Medienberichten zufolge könnte die Bewertung bis zu zwei Billionen Dollar erreichen. Dem stünden laut Berichten zum Prospekt ein Umsatz von 16,3 Milliarden Dollar und ein Verlust von 81 Milliarden Dollar gegenüber. Wer hier zeichnet, kauft keine Gegenwart. Er kauft ein Versprechen auf Chips, Rechenzentren und Modelle, die sich irgendwann rechnen sollen. Solche Wetten leben von moderaten Zinsen, denn je teurer das Geld, desto weniger ist ein Gewinn in zehn Jahren heute wert.
Hier kommt Frankfurt ins Spiel. Die Inflation im Euroraum lag im September bei 3,8 Prozent, getrieben von den Energiepreisen infolge des Iran-Kriegs. Die EZB hatte deshalb im Juni und im September erhöht. Nun verharrt der Einlagenzins bei 2,5 Prozent, und Volkswirte rechnen mit dem nächsten Schritt im Dezember. Auch die US-Notenbank hielt still. Die Pause ist also kein Kurswechsel, sondern ein Aufschub. Für Wachstumswerte wie Anthropic kommt sie trotzdem zur richtigen Zeit.
Bleibt Lagarde. Sie begründete ihren Rückzug mit dem Wunsch nach Redefreiheit. Beobachter vermuten einen anderen Grund. Im April 2027 wählt Frankreich, und ein Sieg der Rechtspopulisten um Marine Le Pen könnte die Nachfolge erschweren. Lagarde verschafft Paris und Berlin damit ein Zeitfenster. Gehandelt werden Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos. Weil Berichten zufolge auch Isabel Schnabel und Philip Lane gehen, steht die EZB vor einem Umbau an der Spitze.
Nach Kahnemans Peak-End-Regel erinnern wir uns an Amtszeiten vor allem an ihr Ende. Lagardes Ende fällt in eine Phase steigender Preise und offener Führungsfragen. Das dürfte ihr Bild stärker prägen als sieben Jahre Krisenmanagement.
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Anthropic braucht für seine Billionenbewertung Anleger, die an die Zukunft glauben und sie nicht zu stark abzinsen. Die EZB hat ihnen mit der Zinspause Luft verschafft, während sie selbst ihre Führung neu ordnen muss. Ob im Dezember die Zinsen steigen und wer im Februar übernimmt, entscheidet mit darüber, wie teuer Zukunft in Europa wird.

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