
Kann der Markt das Klima retten, Herr Merz?
Sonntagsfrage in der Hitzewelle. Die Sommerferien gehen zu Ende, in Hamburg laufen die letzten Tage, am kommenden Mittwoch (19.8) ist Schluss, und mit ihnen verabschiedet sich ein Wort, das in diesem Jahr seltsam aus der Zeit gefallen wirkt. Sommerurlaub, der. Es klingt nach Freibad und Eiskaffee, nach einer Jahreszeit, auf die man sich freut. Wer aber in den vergangenen Wochen die Wetterberichte gelesen hat, ist einem anderen Vokabular begegnet. Von der fünften Hitzewelle war die Rede, vom Dürremonitor, von Feuerwetter und Blaualgen. Der August 2026 lag im Schnitt gut fünf Grad über dem Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Über Regensburg wurden Anfang des Monats 39,4 Grad gemessen. Das ist kein Sommer mehr im alten Sinn, das ist ein Ausnahmezustand mit Sonnencreme.
Sprache ist selten unschuldig. Wenn aus dem Sommer eine Hitzewelle wird, verschiebt sich mehr als ein Wort. Ein Sommer ist etwas, das man genießt. Eine Hitzewelle ist etwas, das man übersteht. Das erzählt von einem Wechsel im Verhältnis zur Welt, in dem die warme Jahreszeit vom Versprechen zur Bedrohung geworden ist. Und es verrät noch etwas. Wer von Hitzewellen spricht, redet von Ereignissen, von einzelnen Wellen, die kommen und wieder gehen. Wer vom Klimawandel spricht, redet von einer Struktur, von einem neuen Normal, das bleibt. Die Rede von der Welle hält die Illusion am Leben, dass danach wieder das ruhige Fahrwasser käme. Aber das ist gerade verdunstet. Rheinpegel bei Düsseldorf: Null.
Genau an dieser Stelle wird die Sache politisch, und damit zur Frage an den Kanzler. Friedrich Merz hat im April beim Petersberger Klimadialog einen Satz gesagt, der seine Haltung ganz gut zusammenfasst. Klimaschutz dürfe die industrielle Basis der Länder nicht gefährden. Ein Wandel, der zur Deindustrialisierung führe, so Merz, werde in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden. Wettbewerbsfähigkeit zuerst, alles andere danach. Und als der Kontinent in diesem August erneut brannte, in Südeuropa apokalyptisch, in Deutschland mit einer Zahl von Hitzetoten, die je nach Schätzung zwischen 9.000 bis 19.000 liegen soll, folgte bei manchem das große Schulterzucken. Da könne man jetzt ohnehin nichts mehr machen.
Also, Herr Merz, die Sonntagsfrage. Kann der Kapitalismus, den Sie verteidigen, dem Klimawandel überhaupt begegnen? Im Kapitalismus passiert nichts aus Nächstenliebe. Es geschied, wenn sich die Rechnung verschiebt, weil Sonne und Wind billiger werden und der fossile Weg teurer. Wo der Kapitalismus mit dem Klimaschutz Geld verdienen kann, ist er ein erstaunlich schneller Verbündeter.
Der Markt kann glänzend, was sich rechnet, und er versagt dort, wo es nur kostet. Ein Solarpark wirft Rendite ab. Ein kühler Aufenthaltsraum für alte Menschen an einem Vierzig-Grad-Tag wirft nichts ab außer geretteten Leben, und Leben stehen in keiner Quartalsbilanz. Die Anpassung an eine heißer werdende Welt, der Hitzeschutz, die begrünte Stadt, die Warnkette für die Verletzlichen, all das ist Aufgabe, die der Preis nicht von selbst erledigt.
Und der Merz’sche Satz von der industriellen Basis, die man nicht gefährden dürfe, dreht die Reihenfolge um. Er behandelt die wettbewerbsfähige Wirtschaft als das Ziel und das Klima als lästige Nebenbedingung. Dabei gibt es keine wettbewerbsfähige Industrie auf einem Planeten, der die Grundlagen des Wirtschaftens kündigt.

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