
Bild (19.7): „zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung“
Sonntagsfrage. Jens Spahn ist am Samstagmittag (18.7) als Vorsitzender der Unionsfraktion zurückgetreten. Nicht wegen der Masken. Nicht wegen der Villa. Nicht wegen des Spendendinners im November 2020. Sondern wegen eines Kindes. emma.de: Jens Spahn kauft ein Kind.
Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt.
[ Jens Spahn, CDU ]
Rekapitulieren wir, was diesen Mann nicht das Amt gekostet hat. Die Maskenbeschaffung seines Ministeriums, aufgearbeitet im Bericht der Sonderermittlerin Sudhof, mit Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe und Verfahren, die bis heute laufen. Der Kauf einer Dahlemer Villa für rund vier Millionen Euro mitten in der Pandemie, samt anschließender Empörung darüber, dass jemand den Kaufpreis öffentlich gemacht hatte. Das Leipziger Spendendinner, während der Rest der Republik zu Hause saß. Und im Sommer 2025 das Verfahren gegen Frauke Brosius-Gersdorff: Spahn ließ eine Kampagne gegen eine Verfassungsrechtlerin durch seine Fraktion laufen, bis die Wahl von der Tagesordnung genommen werden musste. Ein Vorsitzender, der seine eigene Mehrheit nicht kannte. Auch das: folgenlos.
Zwei Tage. So lange hat es diesmal gedauert, von der Bild-Titelseite am Donnerstag bis zum Rücktrittsschreiben am Samstag. Merz nannte den Schritt richtig und unausweichlich, Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut in der Politik. Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen, gesprochen über einen Mann, den man vier Jahre lang durch jede Beschaffungsaffäre getragen hat.
Der Vorwurf lautet Doppelmoral, und formal stimmt er: Spahn erklärte 2015, er könne sich als schwuler Mann und Christ mit einem gemieteten Mutterbauch schwer anfreunden, sein Ministerium wies 2020 jede Lockerung zurück, und als die CDU im Februar 2026 das Verbot auch für die altruistische Leihmutterschaft bekräftigte, war die Leihmutter bereits schwanger. Er habe damals schweigen wollen, sagt er heute, er sei noch nicht so weit gewesen.
Aber der interessantere Befund ist nicht Spahns Charakter. Es ist die Reizschwelle seiner Partei. Milliarden an Steuergeld in undurchsichtigen Beschaffungswegen: verzeihlich. Ein Kind, das nicht ins Familienbild passt: nicht verzeihlich. Der Evangelische Arbeitskreis, die Senioren-Union, Abgeordnete, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen — der Apparat funktionierte tadellos, sobald es um Sittlichkeit statt um Geld ging.
Denn all das liebe Geld, das zahlte auch immer ein für die Partei.
- Freundschaft mit dem mega-reichen Peter Thiel. Im Plus.
- Spenden-Dinner in Zeiten von und mit Corona: 9.999 Euro.
- Masken-Milliarden, eine Cash-Back-Aktion für das Münsterland.
< tl;dr />
Was die Union ihrem Fraktionsvorsitzenden verzeiht und was nicht, sagt mehr über den Zustand von CDU und CSU aus als jede Programmdebatte. Spahn stürzt nicht über Milliarden, sondern über ein Baby. Das ist keine Doppelmoral. Doppelmoral setzt zwei Maßstäbe voraus. Hier gibt es nur einen, und er misst nicht Verantwortung, sondern Konformität.

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