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Sonnenschirm-Reflex

Klima. Schutz. Schirm · Bild: Midjourney

Kann die Klimabewegung aus einem Killersommer neue Massen mobilisieren, oder bleibt es beim Abwehrreflex

Sonntagsfrage im Supersommer. 11.900 Hitzetote in Deutschland bis Ende Juli, davon rund 9.600 in einer einzigen Woche. Europaweit womöglich mehr als 20.000 allein im Juni. Endlich, so hört man in der Klimabewegung, komme die Erwärmung in der zynischen Lebenswirklichkeit an, jetzt müsse doch Bewegung entstehen. Der Satz ist nach jedem Extremsommer gefallen. Eingelöst hat er sich nie.

Diese Hitzewelle ist eine Generalprobe.
[ Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa ( 30.6 ) ]

Das Problem ist der unterstellte Automatismus. Betroffenheit werde zu Mobilisierung. Doch Menschen erleben Hitze, nicht Klimawandel. Der Disaster Research Blog der FU Berlin notierte für das Juni-Wochenende ausgerechnet das Fehlen des Begriffs in weiten Teilen der Berichterstattung. Der Tagesanzeiger meldete derweil, die Hitze mobilisiere vor allem die Klimaskeptiker. Ein Rekordereignis produziere eben nicht nur Betroffene, sondern auch Trotz und Fatalismus.

Vor allem aber treibt konkretes Leiden die Nachfrage in Richtung Anpassung, nicht Vermeidung. Wer schwitzt, will Schatten, Kühlung, einen Hitzeschutzplan. Das ist Coping, kein Gasausstieg. Die Bundesregierung bediene genau diese Logik, wenn sie laut Fridays for Future Tipps wie genug trinken und 26 Grad Raumtemperatur verteile, statt an die Ursache zu gehen. Hier liegt die Pointe. Die Gefahr ist nicht, dass die Leute die Hitze übersehen. Sie sehen sie und kaufen eine Klimaanlage. Konkretheit privatisiert die Reaktion. Der Reflex heißt Sonnenschirm, nicht Demonstration.

Dazu kommt die Verfassung der Bewegung. Der große April-Aktionstag brachte rund 80.000 Menschen zusammen, respektabel, aber weit unter dem Niveau von 2019. Die Letzte Generation habe selbst wohlwollende Milieus mit ihren Methoden verprellt. Und das Umfeld ist rau, mit einer Regierung Merz, Reiches fossiler Rolle rückwärts und einem Diskurs, der Klimapolitik erfolgreich von existenziell zu zu teuer umetikettiert hat.

Es gibt einen Ausweg, und die Bewegung ahnt ihn. Der Aktionstag am 10. Juli lief unter dem Titel Klima schützen, Menschen entlassen und band die Hitze direkt an den fossilen Ausbau von Ministerin Reiche. Das stärkste Pfund dabei ist das Gesundheitsframing. Tote Großeltern und volle Notaufnahmen sind viszeraler als Eisbären und schneiden quer durch die Milieus. Hitze ist auch Arbeitsschutz, ein Thema für Pflege, Ärzteschaft und Gewerkschaften.

< tl;dr />
Das Momentum ist notwendig, aber nicht ausreichend. Ob aus 11.900 Toten Bewegung wird, entscheidet nicht das Wetter, sondern ob die Bewegung vom Verzichtsframe zum Schutzframe findet. Sonst bleibt es beim Sonnenschirm.

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