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Merz zertrümmert den Sozialstaat

Wohlstand-im-Geiste-von-Erhard · Bild: Midjourney

Friedrich Merz ist kein Kuschelkanzler.

Sonntagsfrage in Zeiten von WM 2026. Die konservativen Blätter nehmen in diesen Tagen den Druck von Friedrich Merz, und sie tun es arbeitsteilig. Die Bild am Sonntag ist im WM-Fieber und schaut weg. Die Welt am Sonntag ruft, ganz im Geiste Ludwig Erhards: Traut euch endlich. Und Jens Spahn rahmt in der BamS schon mal das Personal: Friedrich Merz ist kein Kuschelkanzler. Es soll hart werden, es wird Zumutungen geben — und das ist keine Drohung, sondern eine Tugend. Die Startbahn wird freigeräumt.

Meine Damen und Herren, es ist so – das sage ich ohne jede Larmoyanz –: Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen. Das, was wir uns vorgenommen haben umzusetzen, erfordert Veränderungsbereitschaft aus dem Wohlstand heraus bzw. vielleicht aus einer Wohlstandsillusion heraus.
[ Friedrich Merz, Bundeskanzler (CDU); Rede des Bundeskanzlers beim Tag der Familienunternehmen, 11. Juni 2026 ]

Geräumt wird sie für einen Satz vom Donnerstag, gefallen beim Tag der Familienunternehmen: Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen. Man ist versucht, das für komplett irre zu halten. So einfach ist es nicht. Es steckt ein wahrer Kern darin: Eine saturierte Gesellschaft mit Besitzständen und Veto-Akteuren ist tatsächlich schwerer zu bewegen als eine, in der die nackte Not jeden Konsens erzwingt. Die Politikwissenschaft nennt das institutionelle Sklerose. Der Merz hat recht.

Welt am Sonntag, 14. Juni 2026

Traut Euch endlich!

Das Problem liegt jedoch im Bezugspunkt der Stunde Null der Bundesrepublik. Trümmer, Hunger, Millionen Tote heranzuziehen, um Widerstand gegen Sozialkürzungen zu beschreiben, trivialisiert die Realität nach dem Krieg auf eine Weise, bei der einem schlecht wird. Hinzu kommt das Selbstbild: Der Satz macht den Kanzler zum eigentlich Leidtragenden — er hat es schwerer als Adenauer — und nicht jene, die die Zumutungen tragen sollen. Das vorangestellte ohne jede Larmoyanz ist dabei das verräterischste Detail. So einen Halbsatz baut nur ein, wer genau weiß, wie larmoyant der Rest klingt.

Und dann der Ton: Merz spricht von einer Wohlstandsillusion, aus der heraus die Bürger sich ändern müssten. Übersetzt heißt das: Wer nicht mitzieht, ist zu satt, um die Lage zu begreifen. Es ist dieselbe Verachtung, die schon im Vorwurf der Faulheit und im Gerede vom Erkenntnisproblem steckte. Das Volk wird nicht überzeugt, es wird für begriffsstutzig erklärt.

Damit sind wir bei der eigentlichen Sonntagsfrage, und sie ist größer als die Beleidigung. Die Welt am Sonntag will Erhard. Aber Erhards Mut von 1948 war kein Charakterzug, sondern eine Möglichkeit, die ihm die Umstände gaben: Stunde Null, Währungsreform, ein zerstörtes Land ohne saturierten Veto-Block, der Marshallplan als Rückenwind. Erhard durfte mutig sein, weil es nichts mehr zu verlieren und alles aufzubauen gab. Merz beschwört genau diese Trümmerlage — und benennt im selben Atemzug, dass er sie nicht hat. Er will den Erhard-Mut ohne die Erhard-Bedingungen.

Das ist ein Widerspruch, an dem das ganze Projekt hängt. Man kann die Stunde Null nicht spielen, wenn keine Stunde Null ist. Streicht man aus Erhard die historischen Bedingungen heraus, bleibt nicht soziale Marktwirtschaft übrig, sondern blanke Barbarei – umetikettiert als Courage. Die Frage ist nicht, ob Deutschland mutige Reformen braucht. Die Frage stellt sich, ob Erhard’sche Politik im zweiten Viertel dieses Jahrhunderts überhaupt etwas anderes sein kann als eine Pose, solange niemand sagt, wer den Preis dafür zahlen soll.

Bild am Sonntag, 14. Juni 2026

Macht uns stolz!

Eine Quittung wird derweil schon ausgestellt. Spahn räumt in derselben BamS ein, dass die AfD stärker ist als je zuvor, dass da viel Frust sei. Genau hier liegt die Gefahr: Wer Zumutungen als Mut verkauft und die Zumutbaren als begriffsstutzig, erntet keine Dankbarkeit, sondern treibt den Frust dorthin, wo er längst abgeschöpft wird. Erhard hat den Wohlstand gebracht. Wer ihn – wie Merz – im Klassenkampf von Oben verwaltet und dabei das Volk beschimpft, riskiert, dass am Ende andere die Trümmer abräumen, die der Kanzler so schmerzlich vermisst. Und dann macht es auch keinen Unterschied, ob Deutschland sieben Tore schießt oder eben nicht.

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